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Pico Della Mirandola

Maler und Bildhauer

Dichter und Philosophen

Fedeli d'Amore  

Giovanni Pico Della Mirandola

(Mirandola 1463 - Florence 1494)

Kurzbiographie

Giovanni Pico Della Mirandola wurde in der Nähe von Ferrara geboren und an der Universität von Bologna ausgebildet. Als Schüler von Marsilio Ficino, gelehrt, zahlreiche Sprachen beherrschend, zu denen Hebräisch und Aramäisch gehören und über eine der bestausgestattetsten Bibliotheken seiner Zeit mit Werken, die das Denken der drei monotheistischen Religionen ausdrücken, verfügend, verkörpert Pic de La Mirandole die Perfektion des humanistischen Ideals.
Einer der reichsten Männer seiner Zeit in Italien, bietet er mit 24 Jahren an, in Rom auf seine Kosten ein privates Konzil abzuhalten, während dessen er im Beisein des Papstes und der wichtigsten lebenden Theologen für seine neunhundert Thesen von 1486, Conclusiones philosophicae, cabalisticae et theologicae, Unterstützung findet. Der Papst, der einige der Thesen als ketzerisch einstuft, stellt sich gegen das Vorhaben, von dem uns nur die von Pic verfasste Eröffnungsrede bleibt, nie gehalten und 1504 nach seinem Tod unter dem Titel Rede über die Würde des Menschen veröffentlicht. Pic ersetzt hier die traditionelle Frage der Natur des Menschen durch die Frage nach dem Platz des Menschen in der Natur: die eminente Würde des Menschen entstammt seiner zentralen Position in der Welt: Vermittler zwischen Geist und Materie, zwischen Zeit und Ewigkeit, hat der Mensch nicht das eigentliche Wesen, um all dies erlangen zu können. Der Mensch wird zu dem, der er werden möchte, das was er selbst bewirkt.
1489 vollendet Pic sein Heptaplus, ein philosophisch-mystisches Exposé über die Erschaffung des Universums. 1491 verfasst er das Seiende und das Eine, ein an einen Freund adressierter Text über die Frage der Beziehung zwischen dem Seienden und dem Einen. Pic verteidigt hier die Identität dieser zwei Vorstellungen und das Einvernehmen von Platon und Aristoteles über diese Frage. Er studiert ebenfalls die Kabbala und bemüht sich, die Bibel zu kommentieren.
Pic stirbt im Jahre 1494, während er plant, ein Buch über das Einvernehmens Platons und Aristoteles zu schreiben. Ein Jahr zuvor erhielt er die Absolution von Papst Alexander VI von allen Vorwürfen der Ketzerei.

Leben und Werk

Jean Pic und seine Legende

Der arme Mann war kaum mehr als ein Name, höchstens etwas Spott blieb, den die Voltairsche Ironie, glauben wir zu wissen, einen Moment aus der Vergessenheit zog. Doch, im letzten Jahrhundert, "erfanden" Jacob Burckhardt und Jules Michelet die Renaissance und Jean Pic wurde auch wiedergeboren. Vorausgesetzt, jedoch, dass er sich danach richtet, was die Geschichte von ihm erwartet. Es war also notwendig, dass er Vorzeichen und Gärstoff des Aufbruchs gewesen sei, dass er die Intuition für zukünftige Dinge und neue Geisteshaltungen besessen habe, kurz, dass er sich zum inspirierten Propheten unserer modernen Emanzipation erwiesen habe.
Nun und zu seinem Unglück, hat Jean Pic eine der schönsten Seiten der neo-lateinischen Literatur geschrieben, dieser "sehr elegante Diskurs" dem die Nachwelt den vielsagenden Titel Rede über die Würde des Menschen geben wird.
In einem eloquenten Stil geschrieben, dem Gebrauch von allen Mitteln der edelsten Rhetorik, gespickt mit klassischen Erinnerungen, umso feiner, als sie größtenteils nur suggeriert oder wie im vorbeigehen erwähnt werden, ist die Rede von einer sehr schönen Herkunft und selbst in Übersetzung behält sie etwas von ihrer ursprünglichen Kraft.
Burckhardt sah hier "eines der schönsten Vermächtnisse dieser Periode der Hochkultur" und wenn er durch einen Text heraufbeschwören möchte, was er für den "Geist" der italienischen Renaissance hält, ist es auf die Rede, auf die er sich beziehen wird, aber von diesem Text in mannigfaltigen Facetten, wird er nichts als die Worte festhalten, durch die der Verfasser, sich an den ursprünglichen Menschen wendend, ihm das Privileg der Freiheit erteilt. Der Absatz ist kurz, er wird berühmt, er verdient es, zitiert zu werden:

Ich stellte dich in die Mitte der Welt, damit du von dort deinen Blick um dich herum schweifen lassen und alles, was ringsum ist, besser überschauen kannst. Indem ich dich weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich erschuf, wollte ich dir die Macht geben, dich selbst zu formen und über dich selbst zu bestimmen; du kannst dich auf das Niveau eines Tieres begeben und du kannst dich erheben, bis du dich zu einem göttliches Wesen entfaltest. Als sie auf die Welt kamen, erhielten die Tiere alles, was sie benötigten und die Geister einer höhergestellten Ordnung sind bereits das Prinzip oder wenigstens bald nach ihrer Entstehung, was sie seien und in Ewigkeit bleiben sollen. Nur du kannst wachsen und dich entwickeln, wie du es willst, du hast den Samen des Lebens in all seinen Formen in dir.

Man ahnt das Folgende: ab dieser kurzen Passage, oft zitiert, niedergeschrieben, gekürzt und von allem Kontext gelöst, glaubte man in der Oratio de hominis dignitate die Quintessenz des Denkens von Pic zu entdecken, die Verkündung seiner Doktrin, wenn nicht selbst, wie man vorgab, das Symbol und das Manifest des rinascimentalen Humanismus insgesamt: Promethische Vision des freien Menschen, Herr seines Geschickes, von nun einzig verantwortlich für seine Zukunft und seine Wahl. Man zögerte nicht, bei Notwendigkeit und Gelegenheit, bei Übersetzungen den notwendigen Anschub zu geben, um die Texte hinsichtlich dieser Erwartung anzupassen. Seitdem wurde Jean Pic das beispielhafte Ideal, der Prototyp des Humanisten des Quattrocento und diese paradigmatische Funktion würde in Zukunft Teil seines Mythos sein...
Burckhardt hat die Rede gelesen, hat ihren Sinn und ihre Tragweite bestimmt: nunmehr klassifiziert, registriert, etikettiert, hat die Rede ihre kanonische Bedeutung gefunden und gefüllt mit dieser Bedeutung wird sie ihren Platz in modernen Anthologien heiliger Texte einnehmen - diejenigen, die wir verehren, ohne sie zu lesen. Von wo, bereits am Anfang der Historiographie von Jean Pic de la Mirandole, eine gefährliche Verzerrung ausgeht. Das ist, dass Jean Pic sehr wohl auch noch anderes als seine berühmte Oratio geschrieben hat. Seien wir einmal Statistiker: Die Gesamtheit, übrigens unvollendet, seiner Opera omnia, editiert, mit einer Biographie, von seinem Neffen Jean-François, enthält mehr als 730 Folios. Nun aber, von alledem, außer unter den Spezialisten selbstverständlich, ein geschlossener Kreis der Leute, die sich selbst reden hören und die nichts damit zu tun haben, wird praktisch nie etwas offiziell erwähnt. Wer also hat von Heptaplus, von De ente et uno, von der Apologia gehört? Allerhöchstens, weil Képler davon spricht, das Pic eine Kritik der Astrologie geschrieben hat... Augenscheinlich stellt sich eine Frage: in welchem Maße ist die Oratio repräsentativ für die Gesamtheit des Werkes von Jean Pic?
Nun, man konstatiert zwei Dinge. Das erste ist, dass, in Hinblick seines Ideengehalts und trotz allem, was man darüber sagen konnte, bietet die Oratio nicht eine neue Idee. Sicher, Pic stellt eine großartige und verherrlichende Vorstellung des Menschen dar, aber es ist die kosmozentrische oder theozentrische Tradition, die den Menschen bereits in den Mittelpunkt der Welt gestellt hat. Nach dieser "Warte" — das Wort ist von Pic — ist die Mission des Menschen die Ordnung des Universums zu betrachten. Seine Freiheit entfaltet sich hier, aber es ist eine Freiheit der Annahme oder der Ablehnung, nie eine Freiheit der Erschaffung. Die Ordnung der Werte ist in der Ordnung der Natur registriert und resultiert daher. Der Mensch kann also diese Ordnung entdecken, er kann sie weder ändern noch mit seiner eigenen ersetzen. In diesem Rahmen und unter diesen Bedingungen ist und kann der Mensch nicht sein eigenes Gesetz sein; er ist nicht autonom. Alles in allem, beim lesen der Oratio wie sie gegeben ist, wird man sie unendlich nah finde, durch den Geist, den sie atmet, vom Splendor veritatis, wie dem sartreschen Humanismus!
Aber dieser Ideengehalt — banal für die Epoche — wird in einer packenden und überzeugenden Weise präsentiert: das ist es, was den Ruhm der Oratio ausmacht. Nun, und dies ist der zweite Punkt, den es zu bemerken gilt, durch diesen Stil hoher präziser Rhetorik, setzt sich die Oratio radikal von den anderen Werken Pics ab, die alle in einer Sprache, sicher korrekt, aber viel näher am sogenannten Stil "de Paris" liegen, Scholastikern eigen, als am preziösen Stil, der versucht, den Humanisten zu gefallen. Hier also der, der uns den Floh ins Ohr gesetzt hat. Umso mehr als, kaum ein Jahr früher, Pic einen sehr langen Brief an Ermolao Barbaro geschrieben hat, dieser Brief, der in seiner Übersetzung, die Sorge um die Sprache bis zur Verfeinerung des Stils von Aristoteles selbst ausdrückt! Pic, zum Anstoß seines Briefpartners und seiner humanistischen Freunde, hatte Partei für die Scholastiker ergriffen, wenngleich diese in einem "barbarischem" Latein schrieben, denn in der Philosophie, bekräftigte er, sei nur der Inhalt wichtig und der wahre Philosoph urteile empört über sich, wenn er seine Rede mit trügerischen Anreizen der Rhetorik ausschmücke. Es muss unterstrichen werden, dass - um seine Aussagen zu verbildlichen - Pic Duns Scot, in dem er einen Philosophen der ersten Reihe sah, lobte. Dieses getan, wusste Pic sehr wohl, dass er gegen den literarischen Kanon der Humanisten verstieß, der Stil des "docteur subtil" war das Beispiel dessen, was sie mit einmütigem Entsetzen erschaudern ließ.
Dass Pico also die Oratio in einem literarischen Latein geschrieben hat, entsprach der Erwartung der humanistischen Kreise; dass er dagegen, nachdem er so den glänzenden Beweis seiner perfekten Meisterschaft im klassischen Latein geliefert hatte, sich trotzdem dafür entschied, seine anderen Werke in scholastischem Latein zu schreiben, das ist, vor allem im Kontext der Epoche, außerordentlich aufschlussreich. Nach seiner Stellungnahme in seinem Brief an Barbaro hieß das, dass man die Oratio nicht allzu ernst nehmen sollte, jedenfalls nicht wörtlich, und dass man im übrigen, wenn man sein "wahres" Denken finden wollte, dieses in seinen anderen Schriften suchen sollte.
Und Giovanni Pico hütet sich, das mittelalterliche Denken a priori zu verwerfen, wegen einer einfachen Frage des Stils. Er weigert sich nicht, die Scholastiker zu lesen – was für Valla, Erasmus, Barbaro und die anderen eine Sache der Ehre war. Er hat sie gelesen, selbst die "barbarischsten" unter ihnen, "Averrhoisten" aus Padua, "Calculatori" aus Pavia, "Scotisten und Nominalisten" der Sorbonne. Er nimmt sie ernst, selbst und vor allem, wenn er sie kritisiert. Das war ein Beweis von Nonkonformismus, Autonomie und intellektuellem Mut. Das hätte seine Legende festhalten müssen – aber das ist genau einer der Punkte, die sie verwischt hat.
Das Erstaunlichste an dieser ganzen Sache, und auch das wird nur selten erwähnt, wenn vom Diskurs die Rede ist, besteht darin, dass wegen der zu schildernden Umstände die elegante Oratio, Frucht so vieler Mühen, zu Lebzeiten ihres Autors niemals vorgetragen oder veröffentlicht wurde - was einen bedeutenden Franzosen des 16. Jahrhunderts nicht daran hindern wird, in dem "berühmten Diskurs von Pico de la Mirandola [...] etwas wie das urbi et orbi für das Heraufziehen einer neuen Welt" zu sehen, "in der der Mensch sich seiner herausragenden Rolle bewusst wird". Für einen Diskurs, der in praktischer Hinsicht und für den Moment toter Buchstabe war, ist das mindestens überraschend.   Aber das ist die Macht der Mythen.
Gewiss, Burckhardt ist nicht allein schuld, und seine selektive - sehr selektive Lektüre der Werke Picos war nur die Keimzelle des Mirandolamythos.
Man weiß, Giovanni Pico, jung, schön und reich, umschmeichelter Gast der vornehmsten Höfe Frankreichs und Italiens, hatte sein Genie blitzen und funkeln lassen, bevor die neidischen Götter seinen Tagen ein zu frühes Ende setzten.   Er starb unter mysteriös gebliebenen Umständen, als er erst 32 Jahre alt war. Was gibt es Romantischeres als diesen ungerechten Tod, der einen so vielversprechenden Mann in der Blüte seines Lebens dahinraffte? Man sagte, dass Pico sich der Magie verschrieben habe, dass er das Dunkel der Kabbala durchforschte und das Geheimnis der okkulten Wissenschaften und der hermetischen Tradition durchdränge. Und auch und vor allem, dass er nach Rom gegangen war, um dort in einem öffentlichen Streitgespräch den berühmtesten Doktoren der Christenheit gegenüberzutreten. Man wusste auch, dass das Streitgespräch untersagt worden war und dass, zu höchstem Ruhm, mehrere seiner Auffassungen von einer Gruppe reaktionärer Theologen als ketzerisch verurteilt wurden. Exkommuniziert, blieben ihm nur Flucht und Exil, um der päpstlichen Ächtung zu entgehen. Wie konnte man da zweifeln, dass Pico dieser prometheische Held war, vom Format eines Jahrhunderts der Größe, der Revolte und des Stolzes?
Das ist die Legende Picos. Eine Sammlung zumeist wahrer, aber im Prisma der Erinnerung und der Vorstellungen der Historiker verformter und vergrößerter Fakten, vermittelt sie von ihrem Helden ein im wesentlichen trügerisches Bild und schmälert zugleich den wahren Platz, der ihm in der Geschichte der Ideen rechtmäßig zukommt.
Versuchen wir also, uns eine realere Person in Erinnerung zu rufen. Wir werden eine Verwandtschaft zwischen Pico und uns finden, die aber sehr verschieden ist von der, die Marguerite Yourcenar und Jacob Burckhardt zu sehen meinten. Fasziniert vom Neoplatonismus, stand er unter dem Eindruck verschiedener esoterischer Tendenzen, die an diejenigen des New Age erinnern, dem so viele unserer Zeitgenossen anhängen.

Entdeckung des Neoplatonismus

In Florenz, inspiriert von Marsilio Ficino, lässt sich Giovanni Pico von der Lektüre der Enneaden Plotins faszinieren und entdeckt so den Neoplatonismus in der Authentizität seiner frühen Form.
Zugleich mystisch und tief intellektuell, getragen von einer essentiell religiösen Intention, schien das plotinische Konzept den Vorstellungen Giovanni Picos in idealer Weise zu entsprechen. Hatte nicht in der Tat Plotin selbst die Kontinuität betont, die, von Hypostase zu Hypostase, von der Materie zum Einen, von Mensch zu Gott, die verschiedenen ontologischen Ebenen verbindet? Es ist also ein naher und erreichbarer Gott, den er in seiner Doktrin vorstellt. Es ist trotzdem ein Gott des Mysteriums, denn indem er jenseits des Seins selbst ist, und damit jenseits allen menschlichen Verständnisses, ist Gott das Unsagbare. Man versteht, dass die Doktrin Plotins mit diesen beiden scheinbar widersprüchlichen Facetten immer eine außerordentlich starke Anziehungskraft auf die mystischen Seelen ausgeübt hat. - Andererseits beanspruchte diese Doktrin, die ganz auf dem (im übrigen so vagen und schon von Aristoteles kritisierten) Begriff der Teilhabe beruhte, die Gesamtheit des Realen in eine organische Einheit zu verschmelzen, beseelt von den "Affinitäten" und den "Sympathien". Das Universum bildete so, im buchstäblichsten Sinne Plotins, ein lebendiges Wesen, dieses "kosmische Tier", in dem das Netz der Äquivalenzen entstand: Äquivalenz von Ding zu Ding, aber auch von jedem Ding zu seinem Symbol, zu seinen Darstellungen und Benennungen. In dieser poetischen Vision des Universums schienen die "okkulten" Wissenschaften – okkult, weil sie die unmittelbare physische Realität und Wirksamkeit übersinnlicher Beziehungen und Interaktionen annahmen – eine rationale Rechtfertigung zu erhalten. So fanden zum Beispiel die Astrologie und die Beschwörungszauberei innerhalb der plotinischen Kosmologie einen "natürlichen" Platz. Daher die unendliche Attraktion, die diese auf die Geister ausübte – und noch ausübt – die die Aufgabe der alten Werte orientierungslos gemacht hat. Zweifellos predigte Plotin selbst eine harte Askese, vollständig auf die langsame und schwierige Reinigung der Seele durch die Praxis einer gewissenhaften Suche ausgerichtet. Aber seine Nachfolger, die auf die extravagantesten esoterischen Traditionen zurückgriffen und sich auf Hermes, Orpheus und Zoroaster beriefen, räumten den magischen und theurgischen Praktiken einen immer größeren Platz ein, mit der Vorspiegelung der Hoffnung auf einen unmittelbaren Kontakt zum Jenseits. Das New Age in unmittelbarer Reichweite.
Man versteht, das der junge Giovanni Pico, als "Held" in die brilliante florentinische Akademie aufgenommen und in der dort herrschenden hektischen Atmosphäre badend, sich zunächst von dieser allgemeinen Schwärmerei mitreißen ließ. Die unseren Zeitgenossen angebotenen Geistigkeiten auf Abruf sind von derselben Art und haben einen gleichen Erfolg.
Und man versteht auch – ein weiterer Bezug zu unseren Zeitgenossen –, dass Pico sich von den okkulten Wissenschaften und den von ihnen unentwegt verbreiteten, unerhörten Versprechungen verlocken ließ. Und zweifellos muss er in seinem anfänglichen Enthusiasmus gehofft haben, dass er von der Erforschung der Magie so etwas wie eine Bestätigung a posteriori der neoplatonischen Kosmologie und der von ihr vorausgesetzten Metaphysik erlangen würde. Nichts weist jedoch darauf hin, dass er je versucht hätte, diese selbst auszuüben. Pico war im wesentlichen kontemplativ, und wenn die theoretischen Grundlagen, die die Magie bei Plotin erhielt, ihn in höchstem Grade interessieren mochten, scheint er es doch anderen überlassen zu haben, sie empirisch zu überprüfen. Ebenso kann man heute von der Effizienz des wissenschaftlichen Denkens fasziniert sein und sich dabei nur für die theoretische Vision zu interessieren, die von ihm geschaffen wurde und auf die es sich gründet.

Der "römische Disput"

Im März 1486, nach einem Aufenthalt von mehreren Monaten in Paris, der Krönung seiner intellektuellen Reise, ist Pico zurück in Florenz. Jetzt, in der strahlenden Arroganz seiner Jugend – er ist gerade 23 Jahre alt – entwirft er das unerhörte Projekt, die gelehrtesten Geister der Christenheit zu einem großartigen Streitgespräch zusammenzurufen, um dort öffentlich eine lange Serie von sich auf alle Wissensfelder erstreckenden "Thesen" zu diskutieren. In dem ungeduldigen Bestreben, auf einen Schlag die höchsten Gipfel des literarischen Ruhms zu erklimmen und seinem "Disput" eine universelle Tragweite zu verleihen, entscheidet er, dass die Debatte in Rom stattfinden solle. Kindliche Anmaßung oder Geste eines Grandseigneurs, bietet er an, die Kosten derjenigen Doktoren zu übernehmen, die vor den Ausgaben für die Reise zurückschrecken würden.
Die Mehrheit seiner Zeitgenossen sahen in seinen Thesen, mit der mystischen Zahl von 900, lediglich die Zurschaustellung einer oberflächlichen Gelehrsamkeit, gepaart mit einer lächerlichen Anmaßung von Universalität. So wird diese hartnäckige Legende geboren, auf die Pascal anspielen wird, derzufolge Pico sich anheischig gemacht hätte, von omni re scibili – "allen erkennbaren Dingen" – zu diskurrieren, wozu Voltaire hinzusetzen wird: et quibusdam aliis –  und von einigen anderen auch"!
All das musste zur Exkommunikation Picos durch Papst Innozenz VIII. führen. Es erging der Befehl an die apostolischen Nuntien, ihn festzunehmen. Dank der Protektion des Königs und der wirkungsvollen Interventionen Lorenzo di Medicis erhielt Giovanni Pico, der vergeblich versucht hatte, sich der Verfolgung durch die Flucht nach Frankreich zu entziehen, erneut seine Freiheit. Und er kehrte nach Italien zurück, um sich in Florenz niederzulassen, wo ihn Marsilio Ficino mit den schönen Willkommensworten begrüßt: "Sei glücklich, mein Pico, du wirst Florentiner!"
Zensur des öffentlichen Streitgesprächs durch die kirchlichen Autoritäten, Autodafé der Conclusiones, Verurteilung, Flucht und Exil des Autors - genügend Gründe, die für sich genommen ausgereicht hätten, Giovanni Pico die Märtyrerkrone der Freiheit zu sichern und ihn zu diesem Helden der Legende zu machen, den die postburckhardtsche Kritik brauchte.
Wir wollen genauer hinschauen – und sogleich feststellen, dass im Gegensatz zu dem, was diese Legende wollte, die große Mehrzahl der von Innozenz VIII. ernannten Theologen sich zu der via moderna bekannten. Diese "modernen" Theologen, das waren diejenigen, die Pico unter der verächtlichen Bezeichnung "Scotisten und Nominalisten" zusammenfasste. Er hatte sie während seines Aufenthalts in Paris gut kennengelernt, wo sie ganz obenauf schwammen.
Im Gegensatz zu diesen "Modernen", und deutlich im Hintertreffen zu ihnen, gab es die Anhänger der via antiqua, die sich auf den Heiligen Thomas beriefen. Nun zeigte Pico, in allem was direkt oder indirekt die Scholastik betraf, eine klare Präferenz für die thomistischen Orientierungen. Wenn wir also zur Beurteilung der ideologischen Konflikte des 15. Jh. unsere heutigen Schemata anwenden wollen, müsste man sagen, dass die Richter, die Pico verurteilten, die Theologie der Avantgarde repräsentierten, während Pico selbst als Konservativer erschien.

Kritik des Neoplatonismus und Rückkehr zu Aristoteles

Das Scheitern des römischen Disputs, von dem Giovanni Pico sich so viel Ruhm erhofft hatte, war total. Kein Doktor hatte sich aufgemacht, ihn zu hören. Seine Conclusiones waren ins Feuer geworfen worden und er hatte seine elegante Oratio wieder einstecken müssen. Das konnte einen schon erschüttern. Für Giovanni Pico wird dies der Anlass zu einer eingehenden Überprüfung seiner Grundhaltungen.
In seinem De ente et uno, 1491 erschienen, wird Pico die Kühnheit besitzen, gegen Ficino selbst und entgegen der Meinung des Magnifico, die Grundthese der gesamten neoplatonischen Tradition zu kritisieren, die wollte, dass "das Eine über dem Sein" stehe.
Das Primat des Einen zu verneinen, das hieß, den Neoplatonismus in seinem Lebensnerv zu treffen, diese "globalisierende Vision" zu verwerfen, die die aufgeklärtesten Geister der Epoche faszinierte, die Pico selbst faszinierte, aber die er jetzt ausgelotet und deren Wirkungen er jetzt verstanden hatte.
Denn der Reiz dieser erhabenen Vision wird mit einem hohen Preis bezahlt. Wenn nämlich die Einheit den Vorrang vor aller Unterscheidung hat – was die neoplatonische These besagt – wenn, wie die alte Redensart versichert, "alles in allem ist", und durch das Spiel der Affinitäten die Herrschaft der Äquivalenzen entsteht, dann verschwinden die Unterschiede von Ding zu Ding, aber auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen des Realen. Wie sollte man, in diesem insgesamt geheiligten Kosmos, noch zwischen Natur und Übernatur unterscheiden, zwischen der Ordnung des Sakralen und der Ordnung des Profanen, zwischen primärer Ursache und sekundären Ursachen? Und das war, unter dem Einfluss des Neoplatonismus, diese "orphische" Vorstellung von der Natur, so charakteristisch für den italienische Humanismus des Quattrocento, die eine Zeitlang die Lebenskräfte des westlichen Denkens prägte. Im Vergleich zur aristotelischen Tradition erscheint diese wesentlich animistische und vitalistische Auffassung wie ein Rückschritt hinsichtlich der Vorstellung, die sich der Mensch von sich selbst, von seinem Verhältnis zur Welt und zu der von dieser vorausgesetzten Kosmologie schafft.
Mit dieser Kritik markiert das De ente et uno einen fundamentalen Wendepunkt auf dem Weg Giovanni Picos, der damit zu einer nüchterneren und maßvolleren Darstellung übergeht, in der er, mit einem neuen Bemühen um Schlüssigkeit, die Notwendigkeit bekräftigt, klare Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Ordnungen der Realität zu ziehen.
Nichts belegt dieses Umdenken besser, als die zwölf Bücher der Disputationes adversus astrologiam divinatricem, eine radikale Kritik, der Pico, nach dem De ente, all seine Energie widmet. Dieses unvollendet gebliebene, monumentale Werk wird, nach dem Tod seines Onkels, von Gianfrancesco veröffentlicht.
Die Disputationes sind umso bedeutender, als Pico seine Kritik nicht nur auf die Astrologie mit ihren vielfachen Aspekten richtet, sondern auf die Gesamtheit der okkulten Wissenschaften – Magie, Geomantie, Nekromantie –, diese "Aberglauben", wie Pico sie jetzt nennt, die von selbst zusammenstürzen werden, wenn er die Astrologie, ihre "Herrin und Meisterin", zerstört haben wird.
Darauf bedacht, herauszustellen, dass die griechische Wissenschaft den sogenannten ägyptischen oder chaldäischen Offenbarungen nichts zu verdanken hat, sondern "insgesamt auf solidester Überlegung und strengster Beweisführung beruht", zeigt Pico dieselbe Verachtung für diese esoterischen Traditionen, die ihn, zu Zeiten der Oratio, zu so vielen enthusiastischen Seiten inspiriert hatten. Mit höchstem Spott wird Hermes selbst hier nur noch mit der verächtlichen Bezeichnung als "ein gewisser Ägypter mit Namen Hermes" erwähnt, während Zoroaster, dieser "Prinz der Weisen", mit Hohn überschüttet wird, weil er nicht imstande war, seine eigene Niederlage in der Schlacht vorauszusehen, in der er Ninus gegenübertrat und in der er sein Leben verlieren sollte.
Nirgendwo wird jedoch die intellektuelle Metamorphose, die Pico durchgemacht hat, offensichtlicher, als wenn er von dem Verhältnis spricht, das die Ordnungen des Natürlichen und des Übernatürlichen verbindet.
Für den Neoplatonismus, man muss es wiederholen, überträgt sich jedes Geschehen, sei es himmlisch oder irdisch, durch Affinität oder durch sympathische Resonanz auf allen Ebenen des Realen, die sich also immer wechselseitig beeinflussen, und die Ordnungen, himmlisch und irdisch, natürlich und übernatürlich, gehen damit in eine solche Kontinuität über, dass es unmöglich wird, irgendein klares Kriterium zu finden, nach dem man sie unterscheiden könnte. Es ist also genau die Idee einer solchen Kontinuität selbst, die Pico mit seinen Disputationes radikal kritisiert, in deren einem Kapitel explizit versichert wird:

Die göttlichen Wunder werden von [den Sternen] weder verursacht noch verkündet, sondern die wunderbaren Ereignisse werden von den Ereignissen selbst verkündet, so wie die natürlichen Dinge von anderen natürlichen Dingen angezeigt werden.

Diese radikale Umkehr im Verhältnis zum impliziten Monismus des Neoplatonismus weist darauf hin, dass Pico jetzt die volle metaphysische Tragweite der Doktrin Plotins ermessen kann. Enttäuscht hat er die von ihr vorgespiegelte erhabene Hoffnung aufgegeben, und er glaubt nicht mehr, dass die menschliche Seele sich "von hienieden aus", durch die Ausübung einer intellektuellen Askese, mit ihrem Prinzip verbinden könne. Die Ordnung der Vernunft ist nicht die Ordnung des Glaubens, und es ist nicht möglich, graduell von der einen zur anderen zu gelangen.
Pico kommt so zu den Schlussfolgerungen, die bereits die der späten Scholastik waren. Verbindung zur Vergangenheit, kein Zweifel, aber auch Vorbote der Zukunft, weil man bereits diesen radikalen Dualismus aufscheinen sieht, der vielleicht den von Descartes ahnen lässt und auf jeden Fall von demselben Geist geprägt ist. Hier, in diesem begrenzten, aber essentiellen Sinn, ist es sicher legitim, in Giovanni Pico einen Vorläufer der Moderne zu sehen.

Die letzten Jahre

Innozenz VIII. starb im Juli 1492, und sein Nachfolger Alexander VI. Borgia erteilte Giovanni Pico voll und ganz Absoltution.
Diese so erwartete Absolution war die einzige Freude seiner letzten Jahre, die leidvoll und von schmerzlicher Trauer geprägt waren. Am 8. April 1492 verlor Pico in Lorenzo di Medici einen treuen Beschützer, einen intelligenten Bewunderer, einen selbstlosen Mäzen. Dem Magnifico folgte Piero, aber es erwies sich bald, dass der Sohn keine der väterlichen Eigenschaften geerbt hatte. Und bald sollte Savonarola mit seinen flammenden Predigten die Bevölkerung gegen diesen wankelmütigen Fürsten aufwiegeln, in dem er das Symbol der moralischen Dekadenz seiner Zeit sah. Als betrübter Zeuge erlebte Pico ohnmächtig das Scheitern des mediceischen Traums und den Niedergang der florentinischen Republik.

LOUIS VALCKE, "Pico della La Mirandola", L'Agora, Bd. 1 Nr. 7, April 1994


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