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Marsilio Ficino

Maler und Bildhauer

Dichter und Philosophen

Fedeli d'Amore   

Marsilio Diotifeci, genannt Marsilio Ficino

(Figline Valdarno 1433 - Careggi 1499)

Biografie

Laut einer Tradition, die von den Scholia des Alchimisten und Arztes Paracelsus weiter getragen wurde, ist der Florentiner Marsilio Ficino mit mehr als hundert Jahren, genauer gesagt mit 108 Jahren, verstorben; dieses lange Leben hätte er mit wundersamen Mitteln aus einem geheimen Grundlagenwissen erlangt. Wenn das auch nicht zutrifft – denn Ficino starb in seiner herrlichen Stadt Florenz im Alter von 66 Jahren, so umgibt sein Ableben doch eine umso beunruhigendere Legende. Einer der alten Biografen von Marsilio gefiel sich darin, zu erzählen – wahrscheinlich unter dem Einfluss einer Episode bei Plinius und Seneca –, dass am Tage seines Todes, dem 1. Oktober 1499, Ficino eine Ankündigung an seine liebsten Freund, Mercati, in Form eines Gespensterreiters auf einem Schimmel sandte, der sich mit diesem Ruf ankündigen würde: "Diese Dinge sind wahr!", hört Euch die Wahrheiten über das Weiterleben nach dem Tode und das Jenseits an.

Das genügt, um eine Atmosphäre und eine Doktrin und auch eine Epoche wachzurufen, und zwar die der Medici, wo die Dialoge von Plato und von Hermes Trismegistos, die Abhandlungen von Plotin und die Kommentare von Proclus, die von Ficino zwischen 1463 und 1497 übersetzt und veröffentlicht wurden, von den Humanisten in ihren Debatten aufgegriffen wurden, die aus allen großen Entdeckungen entstanden. Namen flossen aus der Feder: Leon Battista Alberti, Cristoforo Landino, Pico della Mirandola, Angelo Poliziano, Ermolao Barbaro, Michel Marulle, Aldo Manuzio, die alle mehr oder weniger quer durch Italien mit der grandiosen Renaissance der griechischen Gedankenwelt, die von Marsilio gelenkt wurde, verbunden sind.

Ficino, Sohn eines Arztes aus dem prächtigen Arnotal, das sich von Florenz bis Arezzo ausdehnt – wurde sehr früh an das Studium von Galienus, Hippokrates, Aristoteles, Averroës und Ibn Sina und bereits sehr jung, wie er uns selber in den Vorworten zu De Vita erzählte, auch an die Ausgabe von Plotin herangeführt, und fand so "laut Plato" in Cosimo de Medici, einem belesenen Bankier und Begründer der Dynastie, einen zweiten Vater.  

Cosimo sehnte sich danach, die ehemalige Akademie von Athen in der Toskana wieder aufleben zu lassen und wurde dabei durch eine quasi übernatürliche Inspiration während des berühmten Konzils von Florenz im Jahre 1439 angetrieben. Byzantinische Weise wie Plethon und Bessarion, Künstler und Architekten wie Donatello und Brunelleschi, Intellektuelle wie Traversari und Bruni, die sich auf den Plätzen, in den Kreuzgängen von Florenz und vor allem in den Kirchen trafen, wo man während der gelehrten und mystischen Schauspiele Engel unter Himmelskuppeln sehen konnte, durch die man an die funkelnden Visionen aus dem Paradies von Dante erinnert wurde. Die Verwandlung von Florenz in die Hauptstadt des griechisch-römischen Geistes war für Cosimo mehr als ein Traum, ein religiöse und politische Absicht, bei der die Machtberechnungen ebenso zählten wie das Ideal der Kontinuität, der Stabilität zwischen den Gesetzen des Stadtstaates, wobei er die Lieder von Orpheus für den Herrn von Florenz anstimmte, was jenseits der Legenden eine neue Harmonie durchklingen lässt, die überall in den Städten der Menschen und im Himmel herrscht und die Führung der Völker inspirieren soll.  

Nach dem Tode seines Adoptivvaters erwartet Ficino Unterstützung von Piero de Medici, dann von Lorenzo dem Prächtigen. Marsilio Ficino war ein produktiver Schriftsteller und Übersetzer mit einer Begabung für die antike Gedankenwelt jenseits des Normalen, so dass noch heute seine Auslegungen eine Anleitung für die moderne Lehre sein können, und hat Plato, Plotin und Porphyr, Iamblichos, Synesios, Proclus, Priscien von Lydien und Hermes Trismegistos auf Latein herausgebracht, d.h. dem Abendland zurückgegeben; er verstand es, den neuen humanistischen Studien eine Stimme und ein Gedankengerüst in erleuchteten Werken wie Platonische Theologie der Unsterblichkeit der Seelen (1482) oder in Werken voller Ketzerei und Geheimwissenschaften wie sein De vita libri tres (1489) zu verleihen.

Von seiner "Accademia di Careggi" heraus – nach dem Name eines kleinen Landgutes, das die Medici bereitgestellt hatten –, die nichts Anderes als ein kleiner, unregulierter Kreis, ein florentinisches, italienisches, dann europäisches Netzwerk von Zuhörern, korrespondierenden Mitgliedern, von "getreuen Koplatonikern" war, nährte Marsilio ganz nach dem Vorbild dieser Flamme, die, so sagte man, bei ihm unter dem Trugbild Platos brannte, sogar das heilige Feuer eines intellektuellen Kultes außerhalb der Normen und über den Universitäten und Lehrmeinungen. Man muss nur die begeisterten Briefe von Pico della Mirandola lesen, der im Jahre 1485 wie viele Andere nach ihm aufgrund eines unerreichten Wissens und der Hoffnung, einen Zugang zur wahren Wissenschaft Platos zu finden oder auch um sich die Quelle der antike Weisheit, der philologischen Intelligenz, die die Stadt von Ficino für die damaligen Gebildeten, seien es nun Ungarn wie Pannonius, Deutsche wie Reuchlin, Engländer wie Colet, ausstrahlen konnte, vorzustellen, nach Florenz kam, um zu verstehen, wie eine Welle der "Ficinoischen" Schwärmerei bei allen Gelehrten in Europa entstand.

Einer unserer größten Humanisten, Jacques Lefèvre d'Étaples, Übersetzer der Bibel, französischer Herausgeber des Pimandre (übersetzt von Marsilio) und von Nicolas de Cuse, ebenbürtiger Freund von Erasmus und Budé, hatte nur ein Wort, um Ficino zu bezeichnen und damit auf den Philosophen von Florenz anzuspielen: "pater meus", "mein Vater".

Dieser neuplatonische Vater der klassischen und europäischen Studien war nun auch ein genialer Prosaist, ein tiefsinniger und melancholischer Denker, ein einfallsreicher und nachdenklicher Geist, der seiner tiefen Autorität als guter Sohn Saturns ein doppeltes geistiges Erbe bei den Weisen und den Dichtern, bei den Corneilles, Agrippas und bei den Ronsards hinzufügen sollte. Kein De occulta philosophia, aber auch kein Ode aux démons ohne Ficino.

Vielleicht auch kein Rabelais und kein Pontus de Tyard… Aber André-Jean Festugière und andere nach ihm wie André Chastel haben gezeigt, was alles die Literatur und die Kunst Franreichs dem großen Florentiner verdanken. Außerdem stellt sich die Frage, da bei Gérard de Nerval in den Illuminés wie auch bei Baudelaire in den Paradis artificiels die Lektüre der Trois Livres de la vie genauso wie auch das Gastmahl von Ficino durchscheint, das übrigens einstmals von demselben Lefèvre d'Étaples veröffentlicht wurde, warum sollte dann ein Apollinaire verschwiegen werden, der noch in diesem Jahrhundert zu Pimandre in der Fassung von Ficino einen Zugang findet.

Ein Philosoph hatte selten die Genialität, so viele Gelehrte, Künstler und Mystiker zu inspirieren wie Ficino, und das über so viele Jahrhunderte. Diese Form der florentinischen Ewigkeit, die stärker als die 108 Jahre des Paracelsus ist, gehört also zu den geheimnisvollen Zyklen der Weisheit und lassen uns von der Zeit träumen, in der Europa eine Geisteskultur und nicht so sehr eine materielle Verbindung darstellte.

Nun bleibt Ficino, Philosoph der Sonne und des Eros, von Saturn und der genialen Wut, Arzt der Seele und Priester und Astrologe, vor allem ein dauerhaftes Vorbild für die Genauigkeit und Präzision seiner philosophischen Entscheidungen: Als "Erneuerer des Alten" nimmt er die Philologie vorweg, die das wahre Wissen begründet und die den Weg zu den zukünftigen Systemen freimacht; Als "Deuter Platos" ruft er die Gedankenbewegung ins Leben, die einerseits Descartes als auch andererseits Hemsterhuis einschließt, und begründet eine Denkart des Göttlichen für einen modernen und sterblichen Menschen, der zwischen Licht und Schatten hängt.

Als sich Ficino gegen 1497 voller Angst um seine geliebte Stadt Florenz, um Plato und sich selber durch den Triumph von Savonarole über die Medici bedroht fühlt und als er eines seiner letzten "platonischen" Bücher der venezianischen Druckerei der Manutius übergibt, ist bereits diese unvergängliche, von Sorge und Hoffnung erfüllte Mitteilung für uns darin verewigt. Er starb ein Jahr vor dem "Cinquecento" und könnte für immer ein großer Fährmann der Seelen über den Strom der neuen Jahrhunderte hinweg bleiben.

STÉPHANE TOUSSAINT, CNRS - Centre d'études supérieures de la Renaissance

Kommentar zu Das Gastmahl von Plato, Über die Liebe

Am 7. November 1468 versammelten sich auf Anregung von Lorenzo de Medici neun Philosophen in der Villa Careggi nahe Florenz, um wieder an den Brauch der ersten Schüler anzuknüpfen, die jedes Jahr den doppelten Jahrestag der Geburt und des Todes von Plato begingen. Marsilio Ficino, der bereits der geachtete gute Geist dieses Kreises ist, gehört dazu, und dieser Dialog soll das Gespräch, das wie folgt stattfand, wiedergeben: nach dem Abendessen wird dann das Gastmahl von Plato vorgelesen, in dem, wie man weiß, sieben geladene Gäste, darunter Sokrates, jeweils eine Lobrede auf die Liebe halten; dann werden nach dem Muster des Quelldialogs unsere neuen Gäste einer nach dem anderen aufgefordert, einen der sieben Vorträge zu kommentieren.
Die Inszenierung darf uns nicht täuschen: Von Anfang bis Ende vermittelt Ficino durch Mittelspersonen seine Exegese des Werks des Meisters – eine Exegese oder doch mehr eine ursprüngliche Auslegung von beeindruckender Kohärenz, die gleichzeitig eine Theologie oder Kosmologie, eine Anthropologie und eine Psychagogik umfasst, deren Thesen mit Bezug auf die hermetischen und orphischen Mysterien von der reichen Tradition des Neuplatonismus von Plotin, Iamblichos, Proclus beeinflusst sind und im Gefolge von Dionysius Areopagita auf eine Versöhnung zwischen Plato und dem Christentum abzielen .
Dieses Werk von Ficino hat die Gedanken über die Liebe zu Beginn der modernen Zeit tiefgreifend und dauerhaft gekennzeichnet und dabei eine lange Reihe von Dialogen und Abhandlung ausgelöst, aus denen die von Pico della Mirandola, Bembo oder von Giordano Bruno herausragen und die mit ihren Konzepten die Liebesdichtung zwei Jahrhunderte lang durchdrungen haben.


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